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10.09.2011, 18:51 Uhr, von
Gasher G.14      
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 Seit ein paar Tagen ist Mortal Voids Album »The Great Pretending« erschienen. In den 12 Songs geht es um »die dauerhafte Simulation von Gefühlen, Zuständen, Persönlichkeiten und Beziehungen.« Am 5.9.2011 traf ich Mortal Void in einem Café und wir sprachen über das Album, zukünftige Projekte und stumpfe Clubbeats.

Daily Dead: Seit wann gibt es Mortal Void?
Mortal Void: Seit 2001. Der Name »Mortal Void« kam erst ein bisschen später zustande, aber das Projekt gibt es seit 2001, also relativ genau seit 10 Jahren.
DD: Und pünktlich nach 10 Jahren kommt nun das neue Album »The Great Pretending«. Feierst Du so das Jubiläum?
MV: Ich bin nicht der Mensch, der solche Sachen feiert, ob das nun Geburtstage sind oder irgendwelche Jubiläen. Das Album ist draußen und es freut mich, dass ich nach 10 Jahren etwas habe, womit ich richtig zufrieden bin, aber das 10jährige ist jetzt kein Anlass für die Veröffentlichung.
DD: Hast Du bei Deinem Album persönliche Erlebnisse verarbeitet oder stellt es eher eine grundlegende Weltanschauung in den Vordergrund?
MV: Eigentlich ist schon jeder Song auf Dinge zurückzuführen, die ich persönlich erlebt habe, aber ich hab’s ein bisschen allgemeiner verpackt, damit es auch offen ist für andere Leute, für Interpretationen. Ich habe schon immer meine ganz eigene Interpretation davon, aber die schreibe ich niemandem vor.
DD: Die Songthemen sind tendenziell eher misanthropisch.
MV: Ja, kann man so sagen.
DD: Wenn man also eine Weltanschauung daraus machen wollte, wäre die nicht sehr positiv.
MV: Ich finde, das muss gar nicht sein. Man kann sich auch so einen Text durchlesen und denken: Hm, die Ansicht gefällt mir jetzt gar nicht oder: Da ist vielleicht was dran, aber man kann’s ja anders machen. Es muss ja nicht so sein wie ich es auf diesem Album darstelle, man kann da seine eigenen Schlüsse ziehen.
DD: Die meisten Texte handeln ja nicht so sehr vom »Pretending«, also vom großen Vortäuschen, sondern eher von dem, was daraus folgt, der Enttäuschung. Wäre das nicht auch eine Möglichkeit gewesen, das positiv zu verpacken, indem man sagt: Seid ehrlich zueinander!
MV: Ja, hätte ich machen können, aber das ist nicht meine Natur. Ich wünsche mir, dass jemand, der sich das Ding anhört oder sich auch mit den Texten beschäftigt, diese Schlüsse daraus zieht, dass er darauf aufmerksam wird, dass er sich denkt: Ja, so eine Situation kenne ich auch, mir ging’s auch mal so und dass man dann sagt: Ja, ehrlich sein ist dann doch vorteilhafter als Leuten etwas vorzuspielen, sie zu täuschen oder zu belügen.
DD: Die Enttäuschung wird in Deinen Songs aus der Perspektive des Getäuschten erzählt. Wäre die Perspektive des Täuschers nicht auch interessant? Glaubst Du, dass der Täuscher selbst etwas davon hat zu täuschen?
MV: Ich glaube, dass der das glaubt. Es gibt viele Leute, die anderen etwas vormachen im festen Glauben daran, dass sie etwas Gutes tun, dass sie die Leute vor irgendwem beschützen -- die müssen ja nicht einmal was Schlechtes wollen, aber Tatsache ist, dass am Ende meistens was Schlechtes dabei rauskommt, auch wenn die Absichten vielleicht gut waren. Allerdings muss ich auch noch einmal korrigieren, dass auf »The Great Pretending« doch auch Songtexte dabei sind, die die Perspektive des Täuschers vertreten -- zum Beispiel der Titelsong.
DD: Stimmt, Du hast Recht. Gibt es denn Deiner Meinung nach eine Situation, in der man täuschen darf?
MV: seufzt. Schwierig. Es gibt ja immer diese Fälle, bei denen man von einer Notlüge spricht, aber allgemein stehe ich dem Thema sehr skeptisch gegenüber. Das fängt ja schon bei der Definition an: Was ist eine Notlüge? Es gibt vielleicht Situationen, in denen man sich sagt, dass eine Täuschung vielleicht besser wäre, aber meistens wird das immer schlimmer und verstrickt sich immer weiter und ballt sich wie ein Schneeball auf und das Ergebnis ist nur noch Chaos.
DD: Es gibt dieses Prinzip der »Radikalen Ehrlichkeit«, das besagt, dass keine Lüge gestattet ist. Wäre das das Ziel?
MV: Ich glaube nicht, dass das umsetzbar ist. Man sollte sich als Ziel nehmen, immer so ehrlich wie möglich zu sein, aber wer von sich behauptet, niemals zu lügen, lügt schon in dem Moment.
DD: Also ist das das Ideal dahinter, das in der Praxis eben nicht so radikal umgesetzt werden kann.
MV: Genau, das fängt ja schon im Restaurante an. Zu der Bedienung ist man vielleicht eher nett, obwohl man sich denkt: Naja, die hat ihren Job nicht so super gemacht. Das sind so zwischenmenschliche kurze Geschichten, aus denen man nicht gleich ein Drama machen will.
DD: Gibt es also eine Notlüge aus Respekt?
MV: Manchmal ist das sicher so, meistens nicht. Es gibt Menschen, die sehr viel lügen, ohne dass es ihnen bewusst ist. Das hat mit Respekt nichts zu tun, da ist es nur Reflex oder Selbstschutz.
DD: Etwas, was für gewöhnlich als »ehrlich« gewertet wird, sind die eigenen Emotionen. Auf »The Great Pretending« ist ein Titel namens »Wasted Emotion«, also verschwendete Emotion. Ist das nicht ein Widerspruch, dass es eine Verschwendung von Ehrlichkeit gibt?
MV: In dem Moment ist es natürlich ehrlich, aber das spielt keine Rolle, wenn man hinterher feststellt, dass der andere Mensch es gar nicht wert war oder dass man die Zeit schöner hätte verbringen können, mit Menschen, die es eher wert sind, die auch zurückgeben.
DD: Nach der Enttäuschung zählt also die getäuschte Zeit gar nichts mehr, sie wird komplett entwertet.
MV: Es sollte nicht so sein, aber bei mir ist es leider oft so. Im Prinzip ist das eine Form der Verdrängung. Besser wäre es vielleicht, das aktiv zu verarbeiten.
DD: Du verarbeitest es ja aktiv, indem Du darüber Songs machst.
MV: Ja, das klappt auch meistens besser, als sich gar nicht damit zu beschäftigen, aber es klappt nicht immer so, dass die Sache dann komplett vergessen und aus der Welt ist.
DD: »The Great Pretending« wurde als »intelligenter EBM« angekündigt. Würdest Du es auch so nennen?
MV: Nein. Ich würde das gar nicht als EBM bezeichnen. Bis auf ein oder zwei Songs hat das Album mit EBM nicht so viel zu tun. Für mich ist das Electro-Industrial. Ob das Leute mit intelligent oder weniger intelligent umschreiben, liegt bei denen. Ich bin der Meinung, dass es nicht ganz so stumpf ist wie vieles Andere, was da so auf dem Markt ist, aber ich stelle mich jetzt auch nicht hin und sage: Wow -- wie intelligent.
DD: Du hast eingangs schon erwähnt, dass Du mit »The Great Pretending« zufrieden bist. Hast Du Dich entwickelt?
MV: Auf jeden Fall. Gerade technisch und auch beim Songwriting habe ich mich sehr gemacht und ich merke es auch am Feedback. Aus meinem Freundeskreis hatten früher viele das Projekt belächelt und mittlerweile kommt da durchweg positives Feedback. Das einzige positive Feedback, was noch aussteht, ist das von den Labels.
DD: Da würdest Du Dir mehr wünschen?
MV: Ja. Ich habe über die ganzen Jahre so viel weggeschickt und wenn dann mal jemand geantwortet hat, dann in ein oder zwei Sätzen: War nicht unser Ding, arbeite weiter daran -- fertig.
DD: Aber Du bist doch bei dem Label »Bandcamp« untergekommen, oder?
MV: Bandcamp ist kein Label. Das ist eine virtuelle Vertriebsplattform. Die kümmern sich nicht um Werbung, Vermarktung, CD-Pressung, Vertrieb -- das wären ja alles Dinge, die ein Label übernehmen würde.
DD: Siehst Du bei einem Label nicht auch die Gefahr, dass Dich das in Deiner Freiheit einschränken könnte?
MV: Eher nicht. Bei den bekannten Independent-Labels hat man schon seine Freiheiten. Natürlich muss man sich ein bisschen danach richten, nicht so sehr, weil die Labels wollen, dass man jetzt genau die und die Musik macht, sondern weil die Verantwortlichen da vielleicht auch ein bisschen mehr Erfahrung haben, was dann auch wirklich ankommt. Ich würde das nicht so sehr als Kompromiss sehen, sondern als Ratschlag. Damit habe ich kein Problem. Ein Major-Label, das mich von grundauf neu formen wollte, wäre allerdings eine ganz andere Geschichte.
DD: Nehmen wir mal an, Chris Pohl würde sich bei Dir melden ...
MV: Ich weiß, wie der sich um andere gekümmert hat -- kommt nicht in Frage.
DD: Auf dem Album »The Great Pretending« ist auch ein Remix von Trümmerwelten. Bietet sich da nicht vielleicht auch eine engere Zusammenarbeit an?
MV: Die gibt es bereits! Seit 2007 arbeiten wir an unserem gemeinsamen Projekt »Plague of Madness« und da ist auch schon Einiges fertig. Das wird von der Atmosphäre her ein bisschen dunkler und schleppender, ein bisschen weniger cluborientiert als Mortal Void.
DD: Welche Projekte hast Du noch?
MV: Aktuell nur Mortal Void und Plague of Madness. Vielleicht werde ich noch ein altes Industrialprojekt aufleben lassen, das nannte sich »Polyphobic«. Ich habe da zahlreiche Demos und ich bin mir nicht sicher, ob ich die weiter verwerten werde. Mal sehen, das würde aber auf jeden Fall in eine andere Richtung weitergehen, weil ich für diese Richtung jetzt nicht mehr so empfänglich bin.
DD: Wann wird das erste Album von Plague of Madness voraussichtlich erscheinen?
MV: Wir haben uns vorgenommen, noch dieses Jahr fertig zu werden, aber ich glaube noch nicht wirklich daran. Ich hoffe, das wird spätestens nächstes Jahr was.
DD: 2011 ist also das Mortal-Void-Jahr und 2012 wird das Plague-of-Madness-Jahr.
MV: Das möchte ich gar nicht so ankündigen. Ich habe mir schon so oft etwas vorgenommen und dann kommt es am Ende doch ganz anders und gerade, wenn man da zu zweit arbeitet ... ich sage einfach mal: Ja, 2012 wird Plague-of-Madness-Jahr! Wenn nicht, dann 2013 oder 2014 ...
DD: Dir ist bewusst, dass das dann die Hörer enttäuscht.
MV: Ich wasche meine Hände in Unschuld! Jedenfalls sind wir bislang sehr zufrieden und wir hoffen, dass Plague of Madness auch bei den Hörern ankommen wird, wobei ... wenn man sich so anguckt, was bei den Hörern so ankommt, sind wir da ein bisschen pessimistisch.
DD: Was hast Du den Hörern vorzuwerfen?
MV: Nicht den guten Hörern! Aber was man so in Clubs hört, ist dann doch eine andere Richtung als das, was wir dann machen wollen.
DD: Also bleiben die guten Hörer zu Hause.
MV: Nein, so würde ich das nicht sagen. Es gibt eben Leute, die sind für nichts Anderes empfänglich als für stumpfe Clubbeats und ich habe das Gefühl, das werden immer mehr.
DD: Machst Du den DJs einen Vorwurf daraus, dass sie diese stumpfen Clubbeats bevorzugen?
MV: Teils teils. Es ist schon verständlich, dass die ihre Kundschaft bei Laune halten wollen, aber viele sind überhaupt nicht gewillt, irgendwas Neues auszuprobieren, auch wenn es genauso gut funktionieren würde. Stattdessen spielen sie lieber zum tausendsten Mal irgendeinen Quark, den eigentlich keiner mehr hören kann und die Tanzfläche ist mysteriöserweise am Ende doch voll.
DD: Worauf sollte sich der Hörer bei »The Great Pretending« einlassen?
MV: Er sollte das Album unvoreingenommen anhören. Natürlich sollte er vorab schon wissen, dass es eher harte elektronische Musik ist und nicht Synthie-Pop. Wenn man diesem Stil nicht abgeneigt ist, ist da für jeden etwas dabei. Es sind verschachtelte Tracks dabei, es sind auch Songs dabei, von denen ich denke, dass sie absolut clubtauglich sind, ein ruhigerer Track ist auch dabei.
DD: Hast Du vor, das auch live umzusetzen?
MV: Ja, am 11. Dezember wird es beispielsweise ein Konzert mit Aesthetic Perfection im Berliner K17 geben. Darauf freuen mein Bühnen-Kumpane Marty und ich uns schon sehr!
DD: Dann wünsche ich Euch dafür alles Gute und danke Dir für das Interview.
MV: Bitte gern -- ich danke Dir für das Interesse.
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