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Titel: Fresh Wounds: Early Narratives of Holocaust Survival
Verfasser: Niewyk, Donald L. (Editor)
Datum: März 1998
Genre: Zeitzeugenberichte
Preis: 46,99 €
ISBN: 0807823937

29.01.2012, 22:15 Uhr, von
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 Berichte von Überlebenden des deutschen Vernichtungswahns zeichnen sich zumeist durch eine spezifische Perspektive aus. Die Vernichtungsmaschine wird geschildert von Überlebenden aus dem Bildungsbürgertum, welche zum Zeitpunkt der Ereignisse relativ jung waren und entsprechend auf ein Leben, eine Zukunft nach Auschwitz hoffen konnten. Es fehlt folglich die Perspektive anderer Schichten – die meisten europäischen Juden und Jüdinnen waren, entgegen dem Vorurteil, arme Handwerker oder Bauern – ebenso wie die Perspektive der älteren fehlt, welche häufig ihre ganze Familie verloren hatten und zu alt waren, um ein neues Leben zu beginnen. Hinzu kommt der Aspekt, dass je länger die Ereignisse zurücklagen die Erinnerungen immer mehr durch Wissen über die Ereignisse ergänzt, interpretiert und strukturiert wurden.
Ähnlich sieht die Situation bei Zeitzeugengesprächen aus. Auch diese orientieren sich an den kulturellen Normen der Narration, wodurch die jeweilige Geschichte um so perfekter wird, je öfter sie wiederholt wird, einfach dadurch bedingt, dass der_die Erzähler_in sich ständig übt und sich so jenen Normen immer mehr annähern kann. Keinesfalls wird dadurch der Wert jener Berichte, ob im Gespräch oder in Buchform, gemindert, sondern es soll nur auf die Leerstelle bezüglich anderer Perspektiven verwiesen werden.
Eine Leerstelle, welche auch durch das damalige mangelnde Interesse an jenen Ereignissen, besonders den jüdischen Erfahrungen, sowohl im Ostblock wie auch im Westen, vergrößert wurde. Und eine weitere Leerstelle entsteht dadurch, dass die Zahl der Überlebenden, welche berichten können, mit jedem Jahr weiter abnimmt. Umso größere Bedeutung bekommen technische Mittel, welche jene Erinnerungen festhalten und späteren Generationen zugänglich machen. Das größte Projekt, um jene oral history zu bewahren, ist am israelischen Gedenkort Yad Vashem angesiedelt, welches inzwischen über 100.000 Berichte gesammelt hat.
Aber bereits Jahre vor der Gründung von Yad Vashem (1953) ist ein amerikanischer Psychologe mit Namen David P. Boder nach Europa gereist und hat mit Hilfe eines Tonbandgerätes angefangen Zeugnisse von Überlebenden des Wahns zu sammeln. Er hat insgesamt 109 Interviews geführt und aufgezeichnet. Ein Teil dieser Interviews ist in dem Buch Fresh Wounds abgedruckt, welches dadurch einen neuen Blick auf die Ereignisse eröffnet.
Im Jahr 1946 besuchte Boder verschiedene „Displaced People“ (DP) Camps in Frankreich, Italien, der Schweiz und Deutschland und führte Interviews mit Überlebenden der deutschen Vernichtungsmaschine. Damit hat er ein unschätzbares Dokument geschaffen, an dem seinerzeit allerdings kein großes Interesse bestand. Ein Teil der Interviews konnte Boder 1949 unter dem Titel I Did Not Interview the Dead (dt. Erstveröffentlichung 2011 unter den Titel Die Toten habe ich nicht befragt) veröffentlichen – der Titel verweist zugleich auf eine weitere unwiederbringliche Perspektive. Dies sollte lange Zeit die einzige Veröffentlichung bleiben. 1961 verstarb Boder und die Interviews gerieten in Vergessenheit. Erst 1998 wurden weitere Interviews der Öffentlichkeit, durch das hier besprochene Buch, zugänglich gemacht.
In dem Buch Fresh Wounds sind 36 Interviews von europäischen Juden und Jüdinnen, sortiert nach ihren Herkunftsland, abgedruckt. Die Interviews mit polnischen Juden und Jüdinnen bilden dabei mit 23 Stück den mit Abstand größten Teil. Hinzu kommen ein Interview mit einen Litauer Juden, fünf mit deutschen, drei mit Juden und Jüdinnen aus Frankreich, zwei jeweils aus der Slowakei sowie Ungarn. Eingeleitet werden die Interviews mit kurzem Überblick über das Interview und den biographischen Details der jeweiligen Person. Leider ist nur bei einem Interview der weitere Lebensverlauf dargestellt, da jener Interviewte, David Matzner, seine Erlebnisse später selbst in dem Buch The Muselmann veröffentlicht hat.
Entsprechend ihrer unterschiedlichen Herkunft wird auch die Verschiedenheit der Erfahrungen mit der Zeit des Nationalsozialismus deutlich. Es wird berichtet von den verschiedenen Ghettos und den Zuständen in diesen, den Deportationen in die Lager, wie auch vom Leben in den Lagern und der Verschlechterung der Zustände, je näher das Ende des Krieges rückte, bis hin zu den Todesmärschen. Aber ebenso wird berichtet vom Widerstand in den Ghettos, den Lagern, wie auch bei den Partisanen in den osteuropäischen Wäldern. Dabei lesen sich diese Interviews teilweise weniger versöhnlich als bei herkömmlichen Zeitzeugenberichten. Es wird vom Kampf gegen die Deutschen berichtet, wie auch von Racheaktionen während und nach Ende des Krieges. Am eindrucksvollsten im Interview mit Benjamin P., einem polnischen Juden, welcher am Warschauer Ghettoaufstand beteiligt war und danach mehrere Wochen von der Gestapo gefoltert wurde:
„[…] I stuck down a few people. Yes, killed dead. I, too, tortured a few people. And I also did the same things with the German children as the SS men did in Majdanek with the Jewish children. For instance, they took small children by the legs and beat the head against the wall until the head cracked.
[…]
I did the same to the German children, because the hate in me was so great.“ (S. 134)
Ebenso lässt sich in den Interviews eine eindeutige Antwort auf die Frage Pourquoi Israel finden. Es wird von den vergeblichen Versuchen berichtet, den Nazis zu entkommen, welche aber an der Verweigerung der Einreise in andere Staaten immer wieder scheitern mussten – zugleich ein eindrucksvolles Plädoyer für ein liberales Asylrecht. Auch wird in den Interviews von dem nach Ende des Krieges weiterhin grassierenden Antisemitismus in großen Teilen Osteuropas, vor allen Polens, und darüber hinaus berichtet: von Anfeindungen, Angriffen und Pogromen, welche Juden und Jüdinnen nach Überleben der Ghettos und Lager erleiden mussten. Diese Vorfälle machten die Perspektivlosigkeit für eine jüdische Zukunft in Europa überdeutlich und zugleich drückt sich in den Interviews die Hoffnung auf Eretz Israel, auf einen jüdischen Staat, wo sie geschützt sind vor Übergriffen, aus.
"So I decided - what was I waiting for? More evil might come. And many times we heard about the pogroms against the Jews. Here someone is beaten, and there someone is beaten. If one wanted to get some justice, many times people would pay with their lives, too. So I crossed into Germany and from there on the goal toward Eretz."(S. 352)
Im Gegensatz zu den Eingangs erwähnten Berichten über den Holocaust sind die kurz nach dem Krieg geführten Interviews unstrukturierter. Durch den zeitlichen Ablauf und die Fragen Boders ist zwar eine grobe Struktur gegeben, aber trotzdem werden die Ereignisse in keinen Gesamtkontext verankert, sondern bleiben stärker den individuellen Schicksalen behaftet, was sie aber zugleich authentischer erscheinen lässt. Dazu trägt bei, dass immer wieder Daten, Orte oder auch Namen durcheinander gebracht werden, welche in Fußnoten durch den Editor berichtigt werden. Es wird hier eine eher unbekannte Sichtweise geliefert, welchen das Buch aus der Vielzahl der Zeitzeugenberichte heraushebt und umso lesenswerter macht.
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