|
Autorbewertung: 8 von 10 möglichen Punkten
Userbewertung: 8 von 10 möglichen Punkten bei 2 gegebenen Stimmen.

Titel: From Hell
Verfasser: Moore, Alan (Autor); Campbell, Eddie (Zeichner)
Datum: 1991-96
Genre: Graphic Novel
Preis: 21,95 €
ISBN: 0958578346
22.01.2012, 23:55 Uhr, von
נעפל      
|
Werbung (wird eingeloggten Usern nicht angezeigt):
 In der zweiten Hälfte des Jahres 1888 werden in London fünf Prostituierte ermordet. Diese Morde bzw. der nie gefasste Mörder (oder die Mörderin?) sollte als Jack the Ripper in die westliche Kulturgeschichte eingehen. Entsprechend kann die Geschichte als halbwegs bekannt vorausgesetzt werden und es erübrigen sich weitere Ausführungen zur Handlung.
Da der Täter nie gefasst wurde, haben sich im Laufe der Zeit verschiedenste Legenden und Theorien um diese Morde gebildet - im Appendix II ist in Comicform auch die Geschichte der Rezeption der Morde bis hin zur Entstehung von From Hell dargestellt. Einer dieser Theorien hat sich Alan Moore zur Vorlage seines Graphic Novels From Hell bemächtigt. Seine Grundlage dabei bildet das Werk Jack the Ripper: The Final Solution des britischen Journalisten Stephen Knights aus dem Jahre 1976, welche die Morde mit der königlichen Familie in Verbindung bringt. Während diese Theorie in der Geschichtswissenschaft eher eine Randposition einnimmt, hat sie in der Populärkultur weit größeren Einfluss gehabt. Aber nicht nur Knights Buch diente als Grundlage für die Interpretation der Ereignisse des Jahres 1888, sondern Moore betrieb eine umfassende Recherche und verweist in seinen über 40 Seiten Anmerkungen (Appendix I) auf verschiedenste Werke über Jack the Ripper, um die einzelnen Szenen der Handlungen zu belegen. Ebenso hebt er hervor, wenn etwas seiner eigenen Interpretation oder Erfindung entsprungen ist, welches für die Dramaturgie der Handlung von ihm als notwendig erachtet wurde. Diese „Ergänzungen“ machen aber nur einen Bruchteil der Erzählung aus und so ergibt sich ein packendes und sehr dichtes Bild über die Morde, aber auch über die Lebensbedingungen der ärmsten Schichten des damaligen London. Somit ist From Hell nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern ebenso eine Sozialstudie der Londoner Elendsviertel des ausgehenden 19ten Jahrhunderts.
Unterstützt wird dieses Bild durch die düsteren Zeichnungen von Eddie Campbell, welcher nicht weniger Recherche betrieben hat und ein der damaligen Zeit entsprechendes Bild Londons zeichnet. Dabei sind die Bilder bezüglich der Morde oder sexueller Handlungen teilweise sehr explizit, was der Szenerie und den Charakteren entspricht und den Eindruck eines realen Bildes verstärkt. Die Lebensbedingungen im Londoner East End waren hart und dieses Elend auch in den Bildern zu transportieren, gelingt Campbell ohne Frage.
Moore als Autor und Campbell als Zeichner nehmen sich viel Zeit dabei die Geschichte zu erzählen und werden damit dem Begriff des Novel in der Bezeichnung Graphic Novel mehr als gerecht. Auf über 500 Seiten im Telefonbuch Format bleibt viel Platz, um Hintergründe zu erläutern und Charaktere zu entwickeln. Trotz der Verstrickung der königlichen Familie und auch der Freimaurer wird sich nicht auf wilde Verschwörungstheorien eingelassen, sondern dem Wechselspiel zwischen Planung und Akteur(en) der Verschwörung wird Raum gegeben. Hier wird keine einfache Verschwörungslösung dargeboten, sondern der Wirklichkeit, in der sich nichts genau planen lässt, entsprochen und damit wird From Hell der Sache als realistische Fiktion gerecht. Keine grauen hochintelligenten Eminenzen sehen jedes Detail hinaus, sondern der Mörder entwickelt Eigeninitiative und ihm wird der Komplott letztendlich selbst zum Verhängnis.
Auch versucht Moore den Fall in größere Zusammenhänge einzuordnen, wofür er teilweise auf übernatürliche Phänomene zurückgreift und so das letzte Kapitel der Geschichte zu einem Ritt durch die Geschichte der englischen Serienmörder gerät. Wenn diese Ausfälle auch nicht wirklich stören, da sie das Handlungsgeschehen nicht beeinflussen und sich auch durch den Wahnsinn des Mörders erklären lassen, hätte es auch nicht geschadet, sie wegzulassen. Das Böse in Gestalt des Mörders wird bei Moore ontologisiert und damit vom jeweiligem Subjekt wie auch seinen sozialen Gegebenheiten losgelöst.
Das Werk wurde im Jahr 2001 mit Johnny Depp auch erfolgreich verfilmt, wodurch die Story den meisten wohl bekannt sein dürfte. Moore selber hingegen hat wenig Interesse an den Verfilmungen seiner Werke, da er das Graphic Novel als eigenes Medium begreift, welches ganz andere Möglichkeiten der Erzählung offen hält. Möglichkeiten, denen ein Roman oder eben ein Film nicht gerecht werden können. Mit From Hell hat er diese Eigenständigkeit des Mediums eindrucksvoll bewiesen und ebenso, dass Graphic Novel nicht ganz einfach dickere (und teurere) Comics sind, auch wenn der Begriff werbetechnisch oft für eben solche Comics verwendet wird.
|