|
Autorbewertung: 9 von 10 möglichen Punkten
Bisher hat noch kein User eine Bewertung vergeben.

Titel: Hippokratische Gesichter
Verfasser: Sembten, Malte S.
Datum: 1996
Genre: Horror/Phantastik
Preis: 12,90 €
ISBN: 3935822138

14.12.2008, 12:53 Uhr, von
-.-'    
|
Werbung (wird eingeloggten Usern nicht angezeigt):
 Malte Schulz Sembten gehört seit Erscheinen dieses Buches zu den besten und originellsten Stimmen deutscher zeitgenössischer Phantastik. In diesem Buch – so der Untertitel - handelt es sich um „Todesgeschichten“, und mag man diesem Thema das ewige Gothic-Klischee zusprechen, wird es sich wohl kaum um einfallslose Stereotypen dieser Gattung handeln. Dieses Buch ist einfach ausgesprochen: Genial! Sembten spricht eine sehr moderne Sprache, die Geschichten sind zweifellos in einem Milieu angesiedelt, wo man sich als Mensch des 21. Jahrhunderts wiederfinden kann. Das Sujet des Todes wird hier in einem sehr vielseitigen Ton dargestellt, der von subtilen Andeutungen bis brachiale Schocküberflutungen reicht.
Meine Lieblingsgeschichte in dieser Sammlung ist „Das Sandmädchen“. Es handelt sich um eine Gutenachtgeschichte, die der Vater eines siebenjährigen Mädchens seiner Tochter zum Einschlafen erzählt. Das Mädchen liegt mit rot beschmierten Lippen auf dem Bett mit versteckter Decke und wartet auf ihren Vater, dass er ins Zimmer kommt und ihr die Geschichte zum Einschlafen erzählt. Der Vater holt das Buch raus, und fängt an zu erzählen…
Die Geschichte ist mit Sicherheit keine Gutenachtgeschichte, und Sembten schafft es, die Geschichte aus der Sicht eines Mädchens zu erzählen, und gleichzeitig eine versierte Sprache anzuwenden. Das Mädchen in der Geschichte ist erblindet und liegt im Krankenhaus. Sie schildert ihre Lage auf sehr nachempfindsame Art und von ihren Qualen der Welt aus der Sicht eines Blinden aus ausgeliefert zu sein. Eines Nachts begegnet sie in einem Traum dem „Sandmädchen“. Es ist ihr zum Verwechseln ähnlich, allerdings trägt es lange nasse Haare, die über ihr Gesicht fallen. Ihr Körper ist noch kindlich, außer ihre Brust; sie ist ausgeweitet und zeigt auf herzliche Art das Innere ihres Körpers. Das blinde Mädchen horcht der sanften Stimme des Sandmädchens, bis sie vor Panik und schweißgebadet aufwacht. Sie beschreibt den Alltag in der Klinik, den Umgang der Ärzte und ihrer Mutter zu ihr. Aber wie sie sich über ihren Vater auslässt, wie ständig besoffen er zu Hause ankam. Und folgende Stelle ist einfach von Sembten auf so geniale Art und Weise aus der Sicht des Mädchens konstruiert:
„Als ich dauernd krank war, hat er gesagt, ich wolle nur die Schule schwänzen. Er hat gesagt, er würde sich schämen, eine Bettnässerin gemacht zu haben. Er hat mich verprügelt weil ich nachts ins Bett gepinkelt habe. Ich konnte nichts dafür und er hat mir weh getan. Und als die schwarzen Flecken größer wurden und du mit mir zum Augenarzt gefahren bist, ohne ihn zu fragen, hat er dir weh getan. Der Augenarzt wollte, dass ich in der Klinik untersucht werde, aber Papa hat mich nicht gelassen. Er hat gesagt, die Doktoren wären alle… Kinderficker …und würden Mädchen unten anfassen. Dabei hat er mir unters Hemd gefasst und gesagt, du müsstest mir bald Kissen reinnähen, damit ich als Frau durchgehe. Wenn du weg warst, hat er mir meinen Po gedrückt und mir gesagt, ich wäre nicht seine Tochter, sondern ein Junge ohne… Pimmel. Und nur in Po – in Pornofilmen – hätten die Frauen rasierte … rasierte…“
Besonders bei dieser Stelle erkennt man das, was ich erwähnte. Die geniale Art auf versierte Sprache sich der Kindlichen anzueignen. Diese Stelle ist aber auch urkomisch wegen des Gebrauchs der kursiven Worte in dieser besonderen Reihenfolge. Und so nimmt die Handlung ihren Lauf und jede Nacht taucht das Sandmädchen erneut auf um mit dem blinden Mädchen zu kommunizieren. Nach dem Vorlesen der Geschichte sollte sich herausstellen, dass das Buch des Vaters, der dem Mädchen vorließt, in Wahrheit „Das Buch der Alpträume“ ist und nicht aus Holz, sondern aus einer menschlichen Schädeldecke gefertigt wurde.
Die Geschichte ist aber nicht die einzige gelungene. Insgesamt sind es sechs Geschichten. Die Umfangreichste heißt „Der Verfolgte“ und ist vielmehr eine Art Kriegsgeschichte.
Die erste Geschichte, die ich las, bei der eine Kettensäge zum Einsatz kommt, ist ebenfalls in diesem Buch vorhanden. Die Geschichte heißt „Kettensägen-Boogie“. Es handelt sich dabei um einen Psychopathen, der eines Tages mit seiner blutverschmierten Kettensäge in einem Laden aufkreuzt, um eine geeignete Verpackung zu kaufen. Als der Verkäufer ins Hinterzimmer geht, alamiert er sofort die Polizei. Als er zurückkommt, muss er sich die Geschichte des Psychopathen anhören und hoffen, dass bald die Polizei aufkreuzt. Die Geschichte handelt von der Liebe zu einer Kettensäge, dem Motorgeräusch, der gezackten Klingen usw. Der Psychopath ist zudem Familienvater, hat einen Sohn namens Junior, den er über alles liebt. Er hat allerdings Streit mit der Ehefrau, die ihm den Sohn weggenommen hat. Es sollte sich herausstellen, dass die Frau nicht mehr bald als Ganzes Stück menschliches Fleisch davonkommen wird. Die Geschichte geht zudem noch ins Detail, und als die Polizisten ankommen, verspricht der Psychopath: „Keine Angst, Junior, wir beide werden immer zusammenbleiben.“ Und dann hat man das Gefühl, dass die Massakrierung erst recht losgeht.
Die Geschichte „H“ ist genauso genial, ich war so überrascht als ich das Ende las. Ich musste mich erst richtig besinnen, weil Sembten so geniale Handlungsverläufe beschreibt. Bei dieser Geschichte handelt es sich um die Liebe eines Lehrers zu einer Mitschülerin. Es sollte sich herausstellen, dass das Mädchen von ihm schwanger ist, und beide um nichts in der Welt wollen, dass irgendjemand etwas davon erfährt. Schließlich wird das Mädchen ermordet. Der Lehrer fährt mit dem Auto und der Leiche im Kofferraum in Richtung Autobahn und gerät in einen Unfall. Als er aufwacht, sieht er einen umgekippten Lkw vor sich und schafft es noch bis zur nächsten Tankstelle. Dort angekommen steigt er aus dem Auto und ist überrascht wie ihn so viele Menschen anglotzen, während er seinen Kaffee trinkt. Dann plötzlich sieht er das Mädchen aus dem Kofferraum steigen, sie bemerkt ihn nicht als sie in den Laden eintritt und geht in den Keller zur Toilette. Der Lehrer folgt ihr und kommt an eine Tür mit dem Buchstaben „H“. Was es damit auf sich hat, lasse ich offen.
Fakt ist: Malte S. Sembten ist ein so talentierter Autor. Dieses Buch erschien 1996 im der legendären „Edition Metzengerstein“, dem damaligen Verlag von Frank Festa, wo er auch Ramsey Campbell verlegte oder Monika Angerhuber, Michael Siefener, Count Stenbock, Clive Barker etc. Wer an diesem Buch interessiert ist, sollte sich die anderen Bücher der „Edition Metzengerstein“ anschauen, denn sie alle sind lesenswert (ich besitze schon die Meisten). Und dass dieses Buch zudem das erste Buch der Edition war, ist fast schon ein prophetischer Hinweis gewesen. Ich kenne leider nicht die weiteren Bücher von Sembten, noch habe ich sie mir nicht besorgt, aber ich kann mir vorstellen, dass dieser unfassbare Autor mich in Zukunft weiterverfolgen wird. Für Liebhaber des phantastischen Genres wird dieses Buch auf makabere Weise Spaß machen. Sehr zu empfehlen!
|