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Titel: Prison on Trial
Verfasser: Mathiessen, Thomas
Datum: 2006 (3th Ed. [1987])
Genre: Kriminologie
Preis: 27,99 €
ISBN: 1904380220

13.01.2012, 11:42 Uhr, von
נעפל      
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 Das Gefängnis ist seit seiner Durchsetzung im 18. Jahrhundert zur alles dominierenden Institution des Strafwesens geworden (ausführlich dargestellt in Foucaults wegweisendem Buch Überwachen und Strafen). Um jene Strafe hat sich eine regelrechte Ideologie gebildet, welche andere Strafformen ihren Strafcharakter abspricht und das Gefängnis absolut setzt, wobei gleichzeitig das Versagen dieser Institution allgemein anerkannt wird. Ein Versagen, was aber zumeist durch die fehlende Härte der Gefängnisstrafe erklärt wird. Das Gefängnis wird als Ferienheim stilisiert und die Längen der Haftstrafen für zu kurz gehalten. Darin offenbart sich aber vielmehr das Unwissen über das faktische Gefängnissystem – verzerrt durch die mediale Repräsentation -, die Unfreiheit der Außenwelt und das Ressentiment gegen die Nicht-Konformität. Folglich ist die Lösung die Reform des Gefängnisses zu noch mehr Strafe, damit das Verhältnis der Repression zwischen innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern wieder gewahrt wird. Ein Problem, welches das Gefängnis seit seinen Anfangstagen mitschleppt. Natürlich ist dabei der Blick auf die Außenwelt verschleiert und der alleinige Fokus richtet sich auf das verklärte Bild des Gefängnisses. Der norwegische Krimonologe Thomas Mathiesen setzt sich in seinem Buch Prison on Trail mit der Ideologie des Gefängnisses auseinander und hält ihm Mittels verschiedenster internationaler Studien ein Bild der Realität vor, welches das Versagen der Institution enthüllt ebenso wie ihre Unreformierbarkeit.
Die Gefängnispopulation in den meisten westlichen Staaten steigt seit den 80er Jahren kontinuierlich an, was dazu führt, dass in den USA beispielsweise über zwei Millionen in Gefängnissen sitzen – das dabei sozial maginalisierte Gruppen weitaus stärker vertreten sind als die gesellschaftlich dominierenden, versteht sich quasi von selbst. Dieses Anwachsen ist dabei vollkommen unabhängig von Kriminalitätsraten, wie Mathiesen anhand von Ländervergleichen zeigt. Es finden sich Fälle, wo die Kriminalitätsrate steigt und die Gefängnispopulation sinkt, ebenso das Steigen beider Faktoren oder auch das Steigen der Gefängnispopulation trotz fallender Kriminalitätsraten. Das Gefängnis offenbart sich als eine komfortablen Lösung für jedes gesellschaftliche Problem, denn wer erst mal hinter Gittern sitzt, verschwindet aus dem öffentlichen Bewusstsein. Aber dies ist keine offizielle Funktion des Gefängnisses, vielmehr wird es durch Rehabilitation, Prävention und damit zusammenhängend Abschreckung gerechtfertigt. Entsprechend richtet sich auch der Blick des Autors auf jene Rechtfertigungen.
Mathiesen setzt sich dafür mit verschiedensten kriminologischen Studien auseinander, um die Effekte des Gefängnisses bezüglich seiner Funktion und darüber hinaus zu untersuchen. Die Rehabilitation war demnach immer den Sicherheitsaspekten untergeordnet bis hin zum vollkommenen Fehlen jener Rehabilitationsprogramme. Aber selbst wenn solche Programme existieren, steht die Gefängnisumgebung jedem Rehabilitätsziel diametral entgegen. Die Gefängnisinsass_innen sollen in einer Umgebung, welche sie jeder Autonomie und Mündigkeit beraubt, zu verantwortungsvollen selbstständigen Individuen resozialisiert werden - die Absurdität dieser Idee bedarf keiner weiteren Ausführung.
Aber nichtsdestotrotz werden die Insass_innen resozialisiert im Gefängnis: In einer sozialen Situation ständiger Unsicherheit gegenüber Übergriffen und fernab jeder individuellen Kontrolle wird ein Verhalten internalisiert, welches jedes Angebot der Institution misstrauisch zurückweist und gewaltsame Konfliktlösungen als einzige mögliche und in dieser Umgebung rationale Handlungsoption übriglässt. Es wird ein antisoziales Verhalten, welches das Gefängnis eigentlich eindämmen sollte, zur Überlebensbedingung im Gefängnis und dadurch wird dieses Verhalten gefestigt und gestärkt, so dass es affektiv hervortritt, auch wenn die Mauern des Gefängnisses schon längst verlassen sind.
Keineswegs besser sieht die Bilanz des Gefängnisses in Bezug auf Prävention und Abschreckung aus. Die Abschreckung funktioniert nur bei denjenigen, welche sie nicht nötig haben, während sie auf diejenigen, auf die sie zielt, vollkommen verpufft und sich sogar ins Gegenteil verkehrt, da der Gefängnisaufenthalt zur Normalität oder gar Auszeichnung geworden ist. Folglich kann von einer Prävention nicht wirklich die Rede sein. Die Statistiken zeigen zwar einen geringen Präventionseffekt des Gefängnisses, dieser wirkt aber geradezu lächerlich in Vergleich zu Sozialprogramm etc. Jeder Euro/Dollar, der in das Gefängnis gesteckt wird, entfaltet, sofern er in ein Sozialprogramm fließt, einen vielfach größeren positiven Effekt auf die Kriminalitätsrate.
Mathiesen unterwirft das Gefängnis einer gnadenlosen Kritik anhand einer Vielzahl von kriminologischen Studien und Statistiken aus den verschiedensten westlichen Ländern. Diese Stärke des Buches erweist sich aber zugleich als seine Schwäche. Zum einen macht es die Lektüre etwas mühselig, da Mathiesen teilweise sehr kleinteilig vorgeht; zum anderen ist die erste Auflage des Buches 1987 (eng. 1990) erschienen und trotz einiger Ergänzungen für die zweite (2000) und dritte Auflage (2006) beziehen sich die meisten Statistiken nach wie vor auf die 80er Jahre. Auch wenn sich seitdem am Gefängnissystem wenig geändert hat, wirkt es teilweise veraltet und aktuelle Prozesse, wie die geradezu explodierende Population des amerikanischen Gefängnissystems oder die zunehmende Privatisierung der Gefängnisse und auch Bewährungsinstitutionen in der westlichen Welt, werden nur unzureichend oder gar nicht behandelt. Trotzdem eröffnet es dem_der Leser_in einige interessante theoretische Einsichten zur Kritik der Institution des Gefängnisses, von denen hier nur einige aufgegriffen wurden.
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