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Titel: Terry Rotter und der Stein des Anstoßes (zweite Auflage)
Verfasser: Moor, Christopher alias Andreas Müller
Datum: September 2008
Genre: Parodie/ Satire
Preis: freiwillige Spenden (siehe Anhang)
ISBN: keine
31.12.2008, 11:33 Uhr, von
Winterkind     
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"Dann habe ich den ersten Film gesehen, den ich recht gut fand und fühlte mich genötigt, alle Bücher im (erheblich besseren) englischen Original und zum Teil auch auf deutsch durchzulesen. Im Prinzip war ich irgendwann selbst ein Fan der Bücher [...]
Es hat mir allerdings nicht gefallen, wie Harry Potter von vielen seiner Anhänger behandelt wurde und wird. Die haben eine Religion aus der Kinderbuch-Reihe gemacht. Bei der ersten Veröffentlichung von TR1 hat sich das bestätigt, weil einige Fans so fanatisch reagierten, als ob ich ihren Erlöser veralbert hätte. [...] Eine derart kultische Verehrung ist nicht gesund und wird von mir entsprechend gewürdigt."
Der Autor auf die Frage, wie er darauf kam, ausgerechnet Harry Potter zu parodieren. Und das ausgerechnet als seinen ersten Roman (soweit ich weiß).
"Mit der ersten Auflage muss ich wohl in der 12. Klasse angefangen haben. Laut Wikipedia erschien sie im Juni 2005. Und Wikipedia weiß bekanntlich alles, jedenfalls mehr als ich."
Ich gehe mal davon aus, daß so gut wie beinahe fast alle wenigstens ein bisschen wissen, was es mit Harry Potter auf sich hat und erspare uns so die lange Einführung. Dann bliebe noch der Vorbehalt auszuräumen, den all jene haben mögen, welche sich einmal mit Barry Trotter konfrontiert haben: Christopher Moor alias Andreas Müller hat es anders gemacht und sehr viel besser. Er bleibt nicht in der reinen parodistischen Verzerrung zum größeren Amysement eines mit Comedy ohnehin überfütterten Publikums stecken, sondern nutzt die Chance um auch echte satirische „Arbeit“ zu leisten, das ist: Die Wahrheit zu sagen (außer über Faschisten, aber das klärt er gleich im Vorwort). Die Zustände des realen Lebens, der politischen, sozialen und kulturellen Unordnung werden ebenso auf’s Korn genommen, wie all die Merkwürdigkeiten, die einem als Schriftsteller über den Weg laufen, von dem Spiel mit Erwartungshaltungen (XXX), den interessanten Begebenheiten, die sich begeben würden, wenn feste Wendungen der wirklich wahren Wahrheit entsprächen, über schlecht eingefädelte und durchgeführte Spannungsbögen bis hin zu der Stelle, an der alles aus dem Ruder läuft und der Autor höchst selbst in eigener Gestalt eingreifen muß, nachdem Gott (mal wieder) getötet wurde. Ganz nebenbei bringt er auch das lange tot geglaubte Präsenz Historicum, das man sonst höchstens noch aus dem Lateinunterricht und vielleicht dem Johannes-Evangelium kennt, auf unterhaltsame Weise zu neuen Ehren.
Der Hauptcharakter ist zwei Jahre älter als im Original und alles andere als ein Sonnenschein; eher der Typ, der sich illegale Feuerwaffen besorgt und damit in der Schule Amok läuft. Was will man auch erwarten, wenn er bis zu seinem dreizehnten Geburtstag in einem Besenschrank wohnte, sodaß er exorbitant viel Zeit hatte, Philosophie zu betreiben? Normalerweise wäre ja das Jugendamt eingeschritten, aber es ist eben ein Amt, das aus Steuern finanziert und vom Staat getragen wird; was möchte man da erwarten? ...
Es gibt alles, was in eine Parodie gehört, das Figuren-Ensamble mit seinem Dreh ins Groteske, die Überziehung der Handlung, Hitler als Hausgeist (und ich frage mich verwundert, warum er keinen Kontakt zum dunklen Lord aufnimmt) und Gandalf der Rote ist nicht nur wirklich verrückt, sondern betreibt auch Marihuana-Anbau im Dachgarten. Darüber hinaus wird auch über den Tellerrand gelugt. In Richtung McGyver zum Beispiel. Oder Matrix... Werbung (wird eingeloggten Usern nicht angezeigt):

Es ist ziemlich schwierig, dieses Werk zu rezensieren ohne damit vorweg den LeserInnen die Freude am Selber-entdecken zu nehmen. Verspielt und voller Anspielungen schreibt sich Moor heiter durch 155 Seiten, wobei er sich auch bei Real-Themen standhaft weigert, langweilig zu werden, (weil sie eher eingestreut sind) und bereichert die Welt um ein Rezept für Apfelstrudel. Wie seinem Hauptcharakter ist ihm dabei restlos gar nichts heilig und macht er auch auf mögliche Schwächen in den eigenen Reihen (sozusagen) aufmerksam (nämlich den Brights). Und anhand derer wird der Brückenkopf hin zu den Fortsetzungen aufgebaut. Fertig gestellt ist davon der zweite Teil und der dritte bis zum elften Kapitel und wahrlich wundersame Dinge geschehen. Zum Beispiel hat der Autor "[(i)] insgesamt um die 20 [Verlage abgeklappert; u_m]. Die meisten lehnten schon wegen der Thematik ab. Wirklich gelesen haben es nur wenige. Vielleicht sogar niemand. Die meisten Verlage haben eine ganz eigenartige Abneigung gegen Harry Potter und auch gegen Satiren, von denen sie trotz des Erfolges der Scheibenwelt-Romane meinen, sie würden sich nicht verkaufen. Die betroffenen Lektoren erinnern mich an diese Knalltüten, die meinen, Harry Potter wäre nur so ein Kommerz-Zeug für kleine, leicht beeinflussbare Schulmädchen. Auch hat er weder von Frau Rowling noch ihrem Verlag irgendetwas gehört. Allerdings habe ich ihnen spaßeshalber angeboten, meine Parodie zu drucken. Komischerweise erhielt ich keine Antwort. Ich habe auch den Strohrum-Hersteller gefragt, ob er mich für die Schleichwerbung in den Büchern bezahlen möchte, auch das leider ohne Erfolg."
Darüberhinaus ist Terry Rotter und der Stein des Anstoßes trotz verlegerloser Verlegenheit im September in zweiter (erweiterter und verbesserter) Auflage erschienen, in der hauptsächlich (dringend notwendige) sprachlich-grammatische Reparaturen vorgenommen wurden und das Buch an sich – also über die Erzählung hinaus - zu einer Gesamtsatire gemacht wurde. Außerdem haben es „[a]ufgrund von Lizenzschwierigkeiten [...] einige extrem gewalttätige und blasphemische Darstellungen in dieses Buch geschafft“ (Vorwort). Pate stand dem Magisterstudenten in Neuer deutscher Literatur, Englischer Literatur und deutscher Sprachwissenschaft der schon erwähnte Terry Pratchett, von dem es heißt, es gebe keinen lebenden Satiriker, den man mit ihm vergleichen könne. Mag sein; aber nicht mehr unbedingt sehr lange. Was die Wahrwerdung diese Prognose noch gefährden könnte, ist die Tatsache, daß die Grenzen des „guten Geschmacks“ des öfteren ohne Rücksicht auf (Leser-)Verluste überrannt werden. Ich persönlich kann damit leben, nicht nur, weil mir jeder „gute Geschmack“ komplett abgeht, sondern auch aus dem Bewusstsein heraus, wie wenig die Klinge Feder in Wirklichkeit doch zu bewirken in der Lage ist, wenn sie nicht Gefühle verletzt. Kunst ist eine Waffe, mit der man ordentlich herumfuchteln muß, wenn man etwas erreichen will, weil sie sich an das Denken richtet und eine negative Aufnahme mehr Darüberredens und –nachdenkens bewirkt als eine allzu glatte Umschmeichelung der LeserInnen.
Geeignet für Leute mit Anspruch und solche, deren Anspruch darin besteht, dringend Aufheiterung zu benötigen.
Zu finden ist das Buch unter http://terryrotter.de.vu oder (falls die Seite mal wieder abgeschmiert ist) direkt beim Autor (terry_rotter[at]arcor.de) zu bestellen.
Ich danke Andreas Müller für die freundliche Genehmigung für das Bild und für das Interview.
Eine Wertung gebe ich wegen Befangenheit nicht ab.
Nachtrag: 2009 ist das erste gedruckte Buch des Autors erschienen. Die Daily-Dead-Besprechung dazu findet ihr hier.
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